Sag’s doch mit den Händen!

 

Einmal gesehen und schon packt einen die Faszination: Schwerhörige und gehörlose Menschen kommunizieren täglich damit – die Österreichische Gebärdensprache. Die seit 1.9.2005 anerkannte Sprache nützt nicht die Stimmbänder und andere Sprechwerkzeuge zur Kommunikation, sondern teilt sich über Hände, Oberkörper, Mimik und Raum mit. Angebote zum Erlernen dieser Sprache gibt es für viele Altersstufen.

Sprache ist unser Schlüssel zur Welt. Die Möglichkeit zur Kommunikation, sich mitzuteilen und auszutauschen ist ein wichtiges Werkzeug in unserem Leben. Für Menschen, die entweder gehörlos geboren werden oder ihr Hörvermögen auf Grund verschiedenster Ursachen schon sehr früh verlieren, sind lautsprachliche Verständigungen unnatürlich. In unzähligen Therapien und mit sehr viel Aufwand müssten Teile der Lautsprache hart erarbeitet werden. Damit hörbeeinträchtigte Menschen die Welt verstehen und begreifen können, gibt es auch sogenannte visuelle Sprachen.

Die Sprache der Gehörlosengemeinschaft in Österreich ist die Österreichische Gebärdensprache (abgekürzt ÖGS). Die ÖGS ist nur eine von vielen internationalen Gebärdensprachen. Gebärdensprachen sind bezüglich der Grammatik nicht auf der Sprache des Landes aufgebaut, sondern sie haben ihre eigene Grammatik. Zwischen den Bundesländern gibt es dialektale Unterschiede. Als Fremdsprache wird sie auch von hörenden Personen erlernt. Ausgebildete Gebärdensprachdolmetscher/innen ermöglichen gehörlosen und schwerhörigen Menschen den Umgang mit der hörenden Welt und möchten die gleichberechtigte Inklusion erreichen.

Für die Kommunikation zwischen hörenden und nicht hörenden Personen ohne gebärdensprachkompetente Unterstützung, helfen die folgenden Aspekte:

  • Blickkontakt herstellen und Gehörlosen die Möglichkeit zum Lippenlesen geben wodurch etwa 30% verstanden werden. Voraussetzung dafür ist eine deutliche Artikulation.
  • In Zusammenhang mit dem oben genannten Punkt verwendet man am besten nur einfache Wörter und kurze Sätze.
  • Das Aufschreiben von Wörtern und Sätzen stellt für Personen, die die Schriftsprache bereits erworben haben, eine große Unterstützung dar.
  • Der richtige und authentische Einsatz der Mimik unterstützt das Verständnis.
  • Mit Hilfe des Fingeralphabets, welches recht rasch erlernt wird, können einzelne Wörter buchstabiert werden.

Abb. 1: Postkarte mit dem ÖGS – Fingeralphabet (Kinderhände – mit Händen sprechen)

Der Verein „Kinderhände“ gibt Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit, ÖGS zu lernen. Die Kursräume befinden sich im 6. Bezirk in Wien. In den angebotenen Kursen lernen gehörlose, cochlear implantierte und schwerhörige Kinder gemeinsam und spielerisch mit ihren Eltern die ÖGS als Erst-, Zweit- oder Fremdsprache. „In Österreich ist Kinderhände die einzige Organisation, die beide Sprachen, also bilingual – Gebärdensprache und Lautsprache – fördert“, informiert Barbara Schuster, gehörlose Gebärdensprachlehrerin und Gründerin des Vereins Kinderhände. Das gemeinsame Erlernen der ÖGS von hörenden und nicht hörenden Kindern innerhalb einer Familie verbindet wie eine Brücke zwischen den beiden Sprachwelten.

Zusätzlich dient der Verein Kinderhände als Informationsstelle für bilinguale Familien, beispielsweise Eltern, die ein hörbeeinträchtigtes Kind haben und unterstützt sie bei der Alltagskommunikation. „Besonders wichtig ist uns auch der rege Austausch der Eltern mit gehörlosen und hörenden Trainer/innen. Gehörlose und hörende Eltern tauschen sich aus, damit diese zwei Welten miteinander verbunden werden,“ so Dipl. Päd. Andrea Rohrauer, Gebärdensprachdolmetscherin und Gründerin des Vereins.

Interessierte Pädagog/innen verschiedener Bildungseinrichtungen, die neugierig auf das Kommunizieren mit Gebärden sind, können sich beim vorgestellten Verein weiterbilden und einen Basiswortschatz erlernen, um ÖGS als alternative Kommunikationsform in der Arbeit mit den Kindern einzusetzen. Damit dies gut gelingen kann, entwickelt der Verein Materialien, die sowohl für hörende als auch nicht hörende Kinder geeignet sind. Sehr beliebt ist das Liederbuch mit DVD zum Mitsingen und Mitgebärden, welches in vielen Kindergartengruppen und Schulklassen zum Einsatz kommt.

Eine Wiener Volksschullehrerin probiert die Lieder mit Gebärden bereits in der Klasse aus und teilt ihre Erfahrungen: „Die Schüler/innen meiner Klasse sind von den Gebärdenliedern begeistert. Sie sind fasziniert vom Erlernen einzelner Wörter in einer neuen Sprache. Durch die Unterstützung der Bewegungen merken sich die Kinder manche Liedertexte leichter. Die im Liederbuch angeführten Glossen und Bilder von den Gebärden geben die notwendige Hilfestellung.“ Eine Glosse ist ein deutsches Wort in Großbuchstaben, welches anzeigt, welcher Begriff gebärdet werden soll.

Empfehlenswert ist auch der Lernkoffer, der Bildkarten von den ersten 100 Gebärden und eine Liste mit zahlreichen Spielideen und Übungsmöglichkeiten enthält.

Auch unabhängig vom pädagogischen Berufsfeld haben Erwachsene in Wien die Möglichkeit, eine Zusatzqualifikation zu erwerben und ÖGS zu lernen. Beispielsweise das Schulungs- und Bildungsinstitut „Equalizent“ im 2. Bezirk bietet Kurse an. Die Schwierigkeitsstufen entsprechen dem Common European Framework of Reference (CEFR; gemeinsamer europäischer Referenzrahmen), welcher eine einheitliche Basis für die Entwicklung von zielsprachlichen Lehrplänen darstellt.

Gehörlose Trainerinnen leiten Kurse mit unterschiedlicher Intensität. Sie können als Semesterkurse, Intensivkurse oder Webinare besucht werden. Um die erworbenen sprachlichen Kompetenzen zu festigen und zu erweitern, ist es ratsam, Kontakte zur Gehörlosengemeinschaft zu knüpfen.

 

Quellenangaben:

http://kinderhaende.at

https://www.youtube.com/watch?v=cvJRML_FTX8.

https://www.equalizent.com/fuer-hoerende/.

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